Gedanken

Nach der Trennung ist vor der Trennung // Mein Leben als Scheidungskind

Morgen ist wieder #Minimontag auf Instagram. Dort kann man lauter süße Bilder von kleinen Würmchen sehen und man freut sich um so mehr, bald seine eigenen in den Armen zu halten. Zusammen als Mama und Papa. So stellt man sich das vor, aber oft wird aus dieser heilen Welt ein Alptraum.

Mein Mann und ich hatten beide bereits Kinder, bevor wir uns kennengelernt haben, unsere vorherigen Beziehungen sind gescheitert. Natürlich fragt man sich, was hat man falsch gemacht, was hätte anders laufen müssen, aber genauso muss man nach vorne sehen und akzeptieren, dass man Wege finden muss, seinen Kindern zusammen trotz allem Eltern zu sein.

Ich weiß, was es heißt, wenn Eltern das nicht schaffen. Was es bedeutet, wenn Eltern vergessen, dass nicht nur sie sich trennen, sondern auch das Kind zerissen wird. Und genau davon möchte ich heute , in meinem wohl bisher persönlichstem Post, erzählen.

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MEIN ETWAS ANDERER RÜCKBLICK

Ich war 6 Jahre alt, als ich das erste Mal mitbekam, dass etwas nicht stimmen kann. Während meine Mutter und ich in Mutter-und-Kind-Kur gefahren sind, flog mein Vater nach Mallorca. Klar viele Familien machen auch mal getrennt Urlaub, aber in meine Welt hat das nicht gepasst. Für mich war es unvorstellbar wieso mein Papa ohne uns wegfliegt.

Immer häufiger wurde gestritten und eines Abends ging mein Vater und kam nicht wieder.. er zog aus und schnell war für mich klar nichts wird wieder so werden, wie es einmal war und das ich alleine bin. Alleine damit, was gerade vor sich geht, alleine mit meinem Fragen und vor allem mit meinem Kummer. Zwar wurde bemerkt, dass meine Noten nicht mehr die allerbesten waren und dass ich mich zunehmend zurückzog, aber das ist ja normal. Es wurde nicht geredet, es wurde einfach weitergemacht, alles sollte normal weiterlaufen. Aber nichts war normal!

Mein Vater, meine Bezugsperson, mein Papa, mein Beschützer, mein bester Freund war nicht mehr da…WARUM? Die Frage blieb so viele Jahre unbeantwortet. Nein, einem 7 jährigem Kind hätte man nicht gesagt, dass es den neuen Freund schon länger gab, dass Beziehungen an Lügen, Betrügen und Schmerz zerbrechen… Aber man hätte so viel mehr tun können, als zu schweigen.

Nachdem also alles so weiterlief wie bisher, nur eben mit dem Neuen, schien doch alles perfekt. Und damit diese perfekte Welt nicht gestört wird,  hielt man alles fern, was stören könnte. Schlussendlich lief es darauf hinaus, dass ich lange Zeit meinen Vater nicht sah und wenn dann endete es sicherlich im Streit. 5 min zu spät abgeholt oder wieder heimgebracht, die falsche Hose an beim zurückbringen.

Irgendwann traute ich mich nicht mehr zu erzählen, wie toll es beim Papa war. Papa hatte Zeit für mich…2 Tage in denen es nur um mich ging. Ok, die Besuche im Baumarkt waren jetzt nicht unbedingt das, was das Mädchenherz höher schlagen lässt, aber genau das sind Dinge, an die ich heute zurück denke ( und um ehrlich zu sein, ist mein Mann glaub auch froh, dass ich einen Kreuzschlitzschraubenzieher von einem Schraubenschlüssel auseinander halten kann :D) .

Ich sage nicht, dass meine Mutter keine Zeit mit mir verbracht hat, aber davon durfte ich meinem Vater auch nicht erzählen. Urlaub auf Mallorca? Davon erfuhr mein Vater erst Jahre später, damit er ja nicht mitbekommt, dass es uns gar nicht sooo schlecht ging, wie es in diversen Unterhaltkriegen behauptet wurde. Andersrum wurde auch meinem Vater genau gesagt, wann er anrufen könne, wenn ich Geburtstag habe. Es kommen ja Gäste, ich bin in der Schule, bla bla blub! Das Ende vom Lied war, dass wir zu der Uhrzeit gar nicht zu Hause waren, in Zeiten ohne Handy natürlich ganz ohne Hintergedanke.

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Natürlich habe ich das alles als Kind nicht gesehen, dachte toll mein Papa lässt mich alleine. Ich habe ihm das nie gesagt, klar welches Kind macht seinem Vater Vorwürfe? Man kämpft um so mehr um Aufmerksamkeit oder hängt sich an den vermeintlich besseren Elternteil inkl. neuem Partner.

Als die Pubertät kam, kam auch der Frust. Natürlich auch gegen meine Mutter und ihren Freund, aber um so mehr gegenüber meinem Vater. Wie konnte er mich nur alleine lassen? Meiner Mutter das alleinige Sorgerecht lassen? Ausziehen? Liebt er mich denn gar nicht?

Und ja ich bekam eine Antwort, eine Antwort mit der ich mit 13 nicht leben konnte, mit der ich bis heute umher laufe, die so viel kaputt gemacht hat und nie wieder aus meinem Kopf gelöscht werden wird.

Ich habe in einer Lüge gelebt, ich habe geglaubt..welches Kind hinterfragt schon seine Eltern? Sie wollen doch nur das Beste? Sie wissen doch, was das Beste ist. Mein Vater hat geschwiegen, jahrelang. Hat auf das Sorgerecht verzichtet, weil er mich geliebt hat. Weil er eben das alles nicht wollte. Er wollte Vater sein, aber nicht um jeden Preis… er hat die Reißleine gezogen und jahrelang still schweigend hingenommen, was mir aufgetischt wurde.

Als die Seifenblase in der ich gelebt habe, zerplatzt ist, ist auch das kleine Mädchen in mir gestorben. Jede Unschuld, jegliches Vertrauen und vor allem die Möglichkeit bedingungslos zu lieben. Als mein erster Freund mich verließ, brauch für mich eine Welt zusammen. Ja, jedes Mädchen denkt es wäre das Schlimmste in ihrem Leben, aber für mich war es der Auftakt zu so viel mehr wie nur ein paar Tränchen.

Und jede weitere Trennung, egal ob für immer oder auch nur für kurze Zeit löste in mir so viel Schmerz aus, dass ich dachte ich müsste daran ersticken. Jeder Streit wurde für mich zur unüberwindbaren Herausforderung. Ich war zerissen…

Ich hätte Eltern gebraucht, keine Mutter, die versucht ihrem Ex andauernd eins auszuwischen, kein Vater der schweigt, keinen verletzen Stolz, den man nicht überwinden kann, keine Streitereien darüber wer Schuld ist, dass ich Nachhilfe brauche und wer das jetzt zahlen soll. Eltern! Eltern, die Lösungen finden, die zwar als Paar nicht mehr funktionieren, aber sich bewusst sind, dass sie Verantwortung haben.

Ich habe es auch nicht geschafft, meinem Sohn eine heile Familie zu bieten… habe mich auch entschieden zu gehen. Aber dennoch bin ich mir bewusst, dass er einen Vater hat. Wir sind uns nicht immer einig darüber was das Beste für ihn ist, aber sind wir ehrlich, welche Eltern sind sich ob zusammen oder nicht immer in allem 100% einig? Ja wir haben uns auch gehasst, haben eine Schlammschlacht geführt, haben Dinge gesagt, die,.zumindest mir, mittlerweile leid tun.

Mir geht es nicht darum mit dem Finger auf andere zu zeigen, meinen Eltern vorzuwerfen sie hätten versagt, zu behaupten ich wäre ein besserer Mensch… NEIN! Wir machen alle Fehler, wir lassen uns zu Dingen verleiten, die wir irgendwann bereuen. Ich möchte nur aus der Sicht eines Kindes schreiben, dass sein Leben lang darunter leidet, dass Eltern vergessen haben Eltern zu sein.

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Meine Mutter ist vor einem Monat gestorben. Wir hatten jahrelang keinen Kontakt. Ich habe in meiner Wut in der Pubertät nie gefragt WIESO? Ich habe sie gehasst, gehasst dafür, dass ich in einer Lüge gelebt habe. Ich bin kurz nach dem ich schwanger wurde mit meinem Großen über Nacht ausgezogen, nicht das erste Mal… Meinen Sohn hatte meine Mutter das erste Mal mit einem Jahr auf dem Arm, doch kurz darauf war der Kontakt auch wieder weg.

Ich hatte jahrelang mit meinen Trennungsängsten zu kämpfen, bin durch die Hölle gegangen und erst kurz vor dem Tod meiner Mutter stellte ich mir die Frage, ob es irgendwann eine Möglichkeit gibt, dass zumindest meine Kinder einmal ohne Vorurteile meine Eltern kennenlernen können. Und als ich sie dann gehen lassen musste, ohne noch einmal ein Wort mit ihr geredet zu haben, als ich sah, dass wir, meine Kinder und ich, immer wichtig für sie waren, brauch erneut eine Welt für mich zusammen. Und die Frage nach dem WIESO wird für immer unbeantwortet bleiben…

Natürlich ist meine Geschichte nur ein Beispiel für eine Trennung, jedes Kind geht anderes damit um, ABER wir Erwachsenen dürfen nie vergessen, dass die Entscheidung als Paar sich zu trennen, nicht bedeutet , dass man sich vor der Verantwortung drücken kann, immer als Eltern verbunden zu sein.

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