Gedanken

Einmal Scheidungskind immer Scheidungskind // Aus der Sicht eines Kindes

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Die Tür fällt zu. Es kehrt Ruhe ein. Zurück bleiben eine aufgebrachte Mutter und ein weinendes Mädchen.Wie so oft in der Vergangenheit hatte sie nicht schlafen können, der Papa war mal wieder nicht nach Hause gekommen, bevor sie ins Bett ging. Sie wollte nicht alleine sein, konnte nicht einschlafen und krabbelte zu ihrer Mutter ins Bett.

Der Lärm im Wohnzimmer weckte sie aus ihren unruhigen Träumen. Sie schlich sich zu Tür, hörte die Eltern, wie sie sich anschrien. Verstand nicht warum es ging, wusste aber so darf es nicht sein . Mama und Papa haben sich doch lieb. Sie weinte heimlich hinter der Tür, spürte wie gerade ihre Welt endgültig zerbrach als ihr Papa sich umdrehte, eine Tasche aufhob und ohne weitere Worte ihr Zuhause verließ.

Sie sollte weiter schlafen, es wäre alles gut, der Papa braucht eine Auszeit. Eine Lüge nach der anderen, sie hätte sie zu gern geglaubt.Doch sie hatte miterlebt, was man versucht hat vor ihr zu verbergen. Sie stand Tage vorher alleine auf der Straße als keiner zu Hause war. Als ihre Mutter mal wieder länger wegblieb und der Vater aus Verzweiflung und um die Wahrheit zu erfahren, sie suchen ging.

Sie war eine gute Schülerin, hatte viele Freunde in der Nachbarschaft und wuchs behütet auf. Sie flogen in den Urlaub, wo sie schwimmen lernte, sie fuhr zur Mutter -Kind Kur, spielte Flöte und Fussball – sie war ein fröhliches Kind. Bis das Kartenhaus zusammenfiel. Bis zu diesem Abend dachte sie so sieht Familie aus. Streit gehört dazu, sie stritt ja auch mit den Nachbarskindern und am nächsten Tag spielte man wieder zusammen Gummi Twist.

Doch ihr Vater kam nicht mehr zurück. Es verging eine lange Zeit bis sie ihn wieder sah. Ob sie ihn sah, bevor der neue Mann einzog weiss sie nicht mehr. Alles war chaotisch, alles geschah so schnell, dass sie vieles vermutlich auch verdrängt hat .

Normalerweise stritt sie mit diesem einem total blöden Jungen immer um die besten Noten, spielte jeden Tag draussen, aber jetzt war zu wenig Platz dafür im Kopf. Statt einer eindeutigen Empfehlung für das Gymnasium wie alle dachten, gab es Diskussionen mit der Mutter. Das Mädchen hätte doch so viel durch gemacht, dass wäre alles eine Frage der Zeit und als es beim Spielen mit den Nachbarn zu einer extrem auffälligen Situation kam, wurde es unter den Tisch gekehrt . Geredet wurde kaum, das Leben geht weiter .

Umziehen würden sie sobald die Grundschule vorbei ist, dabei hatte man doch gesagt sie müsse auf das Gymnasium damit sie nicht noch die Freunde verliert. Sie kenne doch ein paar Kinder dort, solle sich nicht anstellen. Sie feierte Geburtstag, durfte mit zum Basketball, doch ihr Vater rief nicht an. Er hat sie vergessen, das dachte sie jahrelang. Niemand sagte er, dass man genau zu der Zeit nicht zu Hause war, zu dem der Anruf verabredet war, absichtlich Sie flog in Urlaub, aber eine Karte dürfe sie nicht schreiben, der Papa dürfe nicht wissen, wo sie sind. Warum? Das weiss sie heute, damals hat sie es akzeptiert. Sie hätte vermutlich auch nicht verstanden, was es bedeutet, wenn man vor Gericht behauptet kein Geld zu haben und immer mehr fordert und dann in den Urlaub fliegen kann.  Das Mama arbeiten geht durfte ja auch keiner wissen, das geht keinen etwas an.

Als der Papa eine Wohnung hatte und nicht mehr bei den Grosseltern , besuchte das Mädchen ihn . Ihren Papa, ihr Vorbild , ihr Held. Sie verbrachten viel Zeit im Baumarkt, schauten in der Früh schon Zeichentrick, grillten Steaks, kochten zusammen Asiatisch und mixten alkoholfreie Cocktails. Aber es war nicht gut genug, nicht für sie, aber wenn sie zu Hause davon erzählte, wurde ihre Freude klein geredet.

Mitten in der Pubertät verliebte sich das Mädchen und hatte kaum noch Gedanken für andere Dinge. Sie steigerte sie so hinein, dass der erste Streit ihr den Boden unter den Füßen wegriss. Sie konnte mit dem Schmerz nicht umgehen, wusste nicht wohin mit dem ganzen Druck in ihr. Heute weiss sie nicht mehr wie sie auf die Idee kam, aber sie fand einen Weg aus der Hilflosigkeit um wieder Herr über ihren Kopf und ihre Gefühle zu werden . Sie konnte noch nie Blut sehen, aber jeder Schnitt erlöste sie. Sie versteckte die Schnitte unter langen Shirts, breiten Armbändern , unter Bandanas, die sie sich um die Arme band.

Als man die Schnitte entdeckte, folgten Vorwürfe, Verbote, Unverständnis und überhaupt sei ja nur dieser Junge Schuld. Doch in jeder Beziehung, die folgte gab es die gleichen Probleme . Selbstzerstörrung in Konfliktsituationen, emotionale Ausbrüche im guten wie negativem Sinne. Immer in Extremen! Sie ist peinlich, mehr Worte hatte man irgendwann nicht mehr für etwas was man nicht verstehen wollte. Psychotherapie ist die Lösung , aber wenn man seine Fehler reflektieren sollte, verteufelte man diese überbezahlten Seelenklempner.

Jahre später als das Mädchen schon lange Erwachsen war, erfuhr sie die Wahrheit, die Gesamte. Der Schlag ins Gesicht war so hart, dass sie sich an das klammerte was sie hatte und als sie dachte sie hätte auch das verloren, da sah sie keinen Ausweg. Sie hatte sich oft mit Alkohol betäubt, ihre Arme werden für immer Narben tragen, ihr Leben war ein Scherbenhaufen, sie nahm die Tabletten, die man ihr gab um den Druck auszuhalten. Sie nahm sie alle!

Von der Intesivstation ging es direkt weiter. Wochen blieb sie dort, Wochen nahm sie Tabletten, hatte Gespräche, bekam Besuch von den Menschen, die im Prinzio nichts weiter taten als leere Versprechungen zu machen. Der Hilfeschrei war so laut, so eindeutig und nichts, gar nichts änderte sich.

Sie musste lernen sich der Vergangenheit zu stellen, alleine, ohne die Menschen, deren Aufgabe es vor 2 Jahrzehnten gewesen wäre. Man sagte ihr, dass es eine Krankheit sei, die sie hätte, sie diese auch ein Leben lang in sich tragen wird , aber lernen wird damit umzugehen. Verlustangst, der Auslöser für alles… der Trigger der diese heimtückische Krankheit antreibt. „Bevor du mich kaputt machst, mache ich es selbst“ keine Selbstliebe, Depressionen, Sehnsucht nach einer heilen Welt , Wut und weiterhin dieser Druck. Jahre und Jahrzehnte lang bis sie erkennt, dass sie die Vergangenheit nicht ändern kann, sie aber ihre Zukunft in ihren Händen hält. Sie wollte alles besser machen, Familie kann nicht so schwer sein.. Doch es sollte nicht sein! Die Geschichte wiederholt sich, der Kreis schließt sich .

Nur ist sie dieses Mal stark, sie zerbricht nicht, weder an der Wahrheit von damals, von heute noch an der Zukunft . Heute weiss sie, dass alles irgendwann einen Sinn gibt, dass das Leben uns prüft, dass man den Schatten brauch um das Licht zu schätzen . Heute hält sie die Hand ihrer Tochter, sie hört zu, tröstet, kämpft, denn sie weiss, wie zerbrechlich Kinderseelen sind, wie wichtig reden für ein Kind ist, wie sehr ein Kind trotz Lächeln leiden kann und wie ein Leben aus der Bahn geraten kann, wenn ein Kind sich hilflos fühlt ohne gesehen zu werden.


Photocredit: merriive Flickr

2 Kommentare zu „Einmal Scheidungskind immer Scheidungskind // Aus der Sicht eines Kindes

  1. Ein ganz starker Beitrag, ging mir sehr ans Herz. Ein Teil der Geschichte könnte so ähnlich meine sein. Die heile Welt die plötzlich zerbricht, unvorbereitet und unerbittlich. Aber ich hatte das große Glück, dass meine Eltern sich zusammengerissen haben, es gab kein Gericht, das irgendwas hätte klären müssen und keine bösen Worte übereinander. Hut ab, dass du diesen Beitrag geschrieben hast und alles erdenklich Gute für dich und deine Kinder!

    1. Liebe Elli, tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte. Danke für deinen lieben Kommentar. Es fiel mir nicht leicht meine Geschichte niederzuschreiben, ABER sie erinnert mich immer daran, dass ich es für meine Kinder nicht so möchte. Dass sie frei von meiner Wut, meinen Gedanken und Verletzungen sich ein Bild von ihrer Herkunft machen dürfen.

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